ALFILM SPOTLIGHT

Sudan: A New Projection

 Retrospectives, Revolutions, and Restorations

Dieses Programm stützt sich auf eine duale Realität, die gleichzeitig materiell und erkenntnistheoretisch ist. Der Sudan wird vor unseren Augen systematisch und brutal zerstört. Die Bilder davon werden in unserer globalen „visuellen Wirtschaft“ reproduziert und verbreitet. Die Geschichte und die Komplexität des Landes werden aber weiterhin auf die vorgefertigten Schablonen „Krise“, „Krieg“ und „humanitäre Hilfe“ reduziert.

Wir sollten deswegen nicht die Frage stellen: Was geschieht im Sudan? Wir sollten vielmehr fragen: Wie wird das Geschehen sichtbar Itdgemacht und mit Bedeutung gefüllt? Wer hat die Macht über die Narrative? Wem wird die Rolle der Zeug:innen zugestanden? Und wer wird dazu genötigt, das eigene Leid als formbaren Content für den schnellen Medienkonsum anzubieten?
Vor diesem Hintergrund bietet Sudan: A New Projection—Retrospectives, Revolutions, and Restorations einen Blick auf das sudanesische Kino, der über Film als Abbild eines verwüsteten Landes hinausgeht. Wir betrachten die Werke sudanesischer Filmemacher:innen vielmehr als Beispiele für Wissen, Widerstand und Wiederaufbau.

Die Filme dieses Programms – in all ihren Formen und über die Entstehungszeiträume und Generationen der Filmemacher:innen hinweg – hinterfragen die Bedingungen, die ein Ereignis sichtbar und damit überhaupt erst filmbar machen: die Bedingungen des Sehens, des Erhaltens und der Weitergabe dieser Erinnerungen. Zusammengenommen verschieben die Filme die Position des Sudan von einem „Objekt“ der Beobachtung zu einem „Subjekt“ auf der globalen Bühne. Sudanesische Filmemacher:innen treten mit ihren Themen als sinnstiftend hervor: sie gestalten aktiv ihre Beziehung zur Welt, zum Bild und zur Archivierung.

In diesem Programm sind Orte eine materielle Struktur – sie sind Austragungsort von Konflikten, Orte der Klassenbildung und von Machtstrukturen, aber auch Orte für Imagination. Sie werden zu einem Spielfeld, auf dem die Reichweite und die Grenzen von Geschlechterfragen, öffentlicher Präsenz und das Potenzial des Körpers in Gesellschaften, die von Ausgrenzung und Disziplin geprägt sind, auf die Probe gestellt werden. In den Filmen erweisen sich Randgebiete als Orte, an denen Machtverhältnisse und Ungleichheiten sichtbar werden, wo die strukturelle Gewalt des Staates, die Logik des Marktes und Individualismus aufeinandertreffen. Wir erleben die Routinen der täglichen Arbeit nicht einfach als Arbeit, sondern als Teil einer Weltwirtschaft, die durch Ausbeutung und die Reproduktion von Ungleichheit aufrechterhalten wird. In diesem Sinne wird das Schleppen von Ziegeln, das Pressen von Öl oder das bloße Tragen der Last der Welt zu einer Form körperlicher Arbeit, die unsichtbar bleibt, bis das Kino sie politisch lesbar macht.

Die Filme konfrontieren uns mit einer zentralen Frage: Wie können wir Städte zeigen, die durch Kriegszerstörungen nicht mehr abbildbar sind? Vorstellungskraft ist ein wichtiges Mittel, um eine zerrüttete Zeit, zerrissene Städte und eine nur durch das Wachrufen oder einen Ersatz zugängliche Erinnerung zu rekonstruieren. In diesem Sinne markiert Sudan: A New Projection einen Versuch, den Sudan zu bewahren, selbst wenn er einem überwältigenden Angriff ausgesetzt ist, der ihn zu zerstören, zu besetzen und auszulöschen droht. Dies zieht sich durch die im Programm präsentierten zeitgenössischen Werke und mündet in eine Auseinandersetzung damit, wie Fragen von Landbesitz mit Gender, Agrarwirtschaft und der Politik der Zukunft verflochten sind. An dieser Stelle taucht der Diskurs um „Entwicklung“ erneut auf: als Drang, Konzepte wie Eigentum, Arbeit, Wünsche und deren mögliche Zukunft neu zu ordnen.

Wenn Filme restauriert und wiederentdeckt werden, ist stets eine Reihe von Fragen zu stellen: Wem gehört das Archiv? Wer entscheidet, was erhalten bleibt? Was verdient es, restauriert, verbreitet und sichtbar gemacht zu werden? Wir stellen diese Fragen fortlaufend und werden beim Ansehen der Filme daran erinnert, dass die Geschichte des Bildes im Sudan niemals nebensächlich oder unvollständig war. Vielmehr wurde sie durch bewusste Vernachlässigung, Kriege, fehlende Institutionen und einen ungleichen Zugang zu Möglichkeiten der Verwahrung und Verbreitung an den Rand gedrängt.

Vor diesem Hintergrund möchte ich betonen, dass sich das diesjährige Sudan-Spotlight nicht für ein „nationales Dossier“ im engen, feierlichen oder repräsentativen Sinne einsetzt, sondern vielmehr eine andere Ethik der Programmgestaltung vorschlägt. So sehr das Spotlight darauf abzielt, den Sudan nicht als einen fernen Ort zu betrachten, reflektiert es darüber, wie Bilder produziert werden. Wie Macht innerhalb von Festivals, Märkten und Archiven im Laufe der Zeit und über Orte hinweg Gestalt annimmt. Dieses Programm fordert das Publikum nicht dazu auf, den Sudan „kennenzulernen“. Vielmehr lädt es uns dazu ein, die Sichtweisen zu überdenken, mit denen die Welt geordnet wird: Wer wird beobachtet? Wem wird Glaubwürdigkeit zugestanden? Wem gehört die Vergangenheit, und wer hat das Recht, im Namen der Gegenwart zu sprechen?

Das sudanesische Kino ist nicht bloß ein Nebenprodukt von Katastrophen. Es ist eine fortwährende Auseinandersetzung mit Wissen, das Ablegen von Zeugnis und die Neugestaltung der Welt von innen heraus.

Talal Afifi

Talal Afifi ist ein sudanesischer Filmproduzent und Kurator, der sich der Archivierung und Erhaltung von Filmwerken widmet. Er ist Gründer und Leiter der Sudan Film Factory, einer in Khartum gegründeten Einrichtung für Kultur, Filmausbildung und Filmproduktion.

Afifi ist seit 2010 aktiv in der Filmindustrie tätig, wobei sein besonderes Augenmerk auf Afrika und der arabischsprachigen Welt liegt. Im Jahr 2014 gründete er das Sudan Independent Film Festival (SIFF), eine bedeutende Plattform, die sudanesische und afrikanische Filmemacher mit ihren Kollegen auf der ganzen Welt vernetzt.

Filme des 17. ALFILM SPOTLIGHT

A Camel

A Camel

> Filmprogram: | Montag 27.4.2026 | 18:30 | silent green Kulturquartier | Tickets
>> Panel: | Montag 27.4.2026 | 20:30 | silent green Kulturquartier | Eintritt frei
But it Rotates

But it Rotates

> Filmprogram: | Montag 27.4.2026 | 18:30 | silent green Kulturquartier | Tickets
>> Panel: | Montag 27.4.2026 | 20:30 | silent green Kulturquartier | Eintritt frei
Cotton Queen

Cotton Queen

> Donnerstag 23.4.2026 | 19:00 | HAU Hebbel am Ufer (HAU1) | Tickets
>> Freitag 24.4.2026 | 19:00 | City Kino Wedding | Tickets
Exhibition – Sudan Retold

Exhibition – Sudan Retold

24.4.2026 – 29.4.2026 | Fr. 17:00–19:00, Sa. 14:00–19:00, So. 14:00–19:00, Mo. 14:00–19:00, Di. 14:00–19:00, Mi. 14:00–19:00 | Flutgraben e.V.
> Eröffnung: | Freitag 24.4.2026 | 17:00 | Eintritt frei
>> Kurator*innenführungen mit Khalid Albaih und Larissa-Diana Fuhrmann: | Samstag 25.4.2026 | 15:00 | Eintritt frei
>>> Kurator*innenführungen mit Khalid Albaih und Larissa-Diana Fuhrmann: | Sonntag 26.4.2026 | 15:00 | Eintritt frei
Khartoum

Khartoum

> Samstag 25.4.2026 | 19:00 | SİNEMA TRANSTOPIA | Tickets
>> Sonntag 26.4.2026 | 20:00 | CineStar Kino in der KulturBrauerei | Tickets
The Dislocation of Amber

The Dislocation of Amber

> Filmprogram: | Montag 27.4.2026 | 18:30 | silent green Kulturquartier | Tickets
>> Panel: | Montag 27.4.2026 | 20:30 | silent green Kulturquartier | Eintritt frei
Tigers Are Better Looking

Tigers Are Better Looking

> Filmprogram: | Montag 27.4.2026 | 18:30 | silent green Kulturquartier | Tickets
>> Panel: | Montag 27.4.2026 | 20:30 | silent green Kulturquartier | Eintritt frei