ALFILM, das nun bereits zum 17. Mal stattfindet, steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Es wird in einer schwierigen Zeit fast volljährig, in einer Zeit, in der so viele Grundsätze und Prinzipien, die einst als unantastbar galten, infrage gestellt werden: von der Unangreifbarkeit des menschlichen Lebens bis hin zu den Grundsätzen der Meinungsfreiheit. Die arabischsprachige Region und ihre Diaspora-Gemeinschaften finden sich als Schauplätze wieder, vor denen genau diese Grundsätze bis an ihre Grenzen auf die Probe gestellt werden; Orte, an denen die Normalisierung entmenschlichender Diskurse und Praxen zum Alltag geworden ist: Völkermorde im Sudan und im Gazastreifen, die anhaltenden Bombardierungen des Libanon und die Vertreibung von Hunderttausenden Bewohner:innen aus dem Süden des Landes, gepaart mit einer Zunahme repressiver Maßnahmen, ökologischen Krisen und wirtschaftlichen Ungleichheiten, die durch Kriege, imperialistische Eingriffe, tiefsitzende Korruption und neoliberale Politik angeheizt werden.
Die Filme der diesjährigen Selection zeugen von Trauer, Angst, Frustration und Desillusionierung angesichts des aktuellen Zustands der Welt. Sie setzen sich mit der Fragilität großer Narrative und Weltbilder auseinander, die, lange Zeit unhinterfragt, das Leben selbst an den Abgrund getrieben haben, indem sie unter dem Deckmantel des sogenannten „Fortschritts“ abscheuliche Formen der Gewalt gebilligt und gleichzeitig rassistische, geschlechtsspezifische und wirtschaftliche Hierarchien zementiert haben. Sie setzen sich auch mit den tiefgreifenden und dauerhaften Auswirkungen auseinander, die Letztere auf intime und persönliche Beziehungen haben: auf familiäre Bindungen, Liebesbeziehungen, die Verbundenheit mit Orten, Zeit, Geschichte und dem eigenen Körper. Dabei zeigen sie Wege auf, wie man gegen den Tod leben, sich gegen grenzenlose Gewalt wehren und Formen der Wiederherstellung inmitten von Ruinen und Trümmern pflegen kann.
Tales of the Wounded Land von Abbas Fahdel und The Lions by the River Tigris von Zaradasht Ahmed sind beides ergreifende Berichte über die Kunst des Überlebens – der erste im Südlibanon, der zweite in Mossul, Nordirak. Sie zeugen von einem unerschütterlichen Beharren auf die Möglichkeit einer Zukunft, während Häuser in Schutt und Asche liegen und Erinnerungen ihre greifbaren Überreste verloren haben. Unter derartigen Umständen werden Wiederherstellung und Erneuerung zu einer Notwendigkeit, zu Akten der Würde und Treue gegenüber dem Leben selbst. Das beständige Lächeln von Fatma Hassona in Put Your Soul on Your Hand and Walk von Sepideh Farsi und die Späße und Lieder des Performers Aloosh in The Clown of Gaza von Abdulrahman Sabbah sind nicht nur Zeichen von Widerstandsfähigkeit im Angesicht der grausamen Realität der Angriffe in Gaza, sie zeigen auch die Rolle des performativen Überlebens in Zeiten des endgültigen Verlusts auf: Wenn der ungerechte Tod alltäglich wird, ist das Leben abzubilden ein rebellischer Akt, durch den die Todgeweihten dessen Unantastbarkeit zurückerlangen.
Einige Filme bedienen sich an der Geschichte, um der Vergessenheit entgegenzuwirken und die Gegenwart in Anbetracht der Bedingungen, die ihre (Un-)Möglichkeiten hervorgebracht haben, neu zu bewerten. Palestine 36 von Annemarie Jacir erinnert an ein wenig diskutiertes Kapitel des palästinensischen Widerstands gegen Besatzung und Enteignung, indem die Aufmerksamkeit auf die koloniale Struktur gelenkt wird, die der Nakba vorausging und diese ermöglichte, und deren Nachwirkungen bis heute das Leben von Palästinenser:innen bestimmt. El Sett von Marwan Hamed widmet sich dem Vermächtnis einer außergewöhnlichen Frau, Umm Kulthum (1898-1975), deren Leben und künstlerische Laufbahn Ägyptens Auseinandersetzungen mit Moderne, Verlust und Formen der Widerstandsfähigkeit beleuchten.
The President’s Cake von Hasan Hadi blick durch die Augen eines junge Mädchens auf ein Irak unter der tyrannischen Herrschaft Saddam Husseins und zeigt gleichzeitig auf, was es bedeutete in einem Land zu leben, dass von Sanktionen und massiver Ressourcenknappheit gezeichnet war – Maßnahmen, die letztendlich repressive Regime mehr festigten und das Leid der Bevölkerung verstärkten. Flana von Zahraa Ghandour lädt uns ein, uns mit den verheerenden Auswirkungen politischer Unterdrückung und der darauf folgenden Invasion auseinanderzusetzen, die durch geschlechtsspezifische Strukturen geprägt und in die intimsten Facetten des Daseins als Frau eingeschrieben sind, und erzählt dabei die Geschichten von Frauen im Irak, die unter mysteriösen Umständen verschwunden sind.
Habibi Hussein von Alex Bakri und Thank You for Banking With Us von Laila Abbas nehmen uns mit in das besetzte Westjordanland und bieten Einblicke in den Alltag in Jenin und Ramallah aus unterschiedlichen Perspektiven und gelebten Erfahrungen. Bakris Film dekonstruiert den Diskurs rund um “Wohltätigkeitsorganisationen für den Frieden” indem das Leben des Projektionisten Hussein – dessen Leistung und Fachwissen durch die Logik eben dieses Diskurses gleichzeitig ausgebeutet und an den Rand gedrängt werden – ins Rampenlicht gerückt wird, während in Abbas’ Film die erschwerte Navigation von Frauen in einer Gesellschaft hervorhebt, die durch das Dilemma der Besatzung und patriarchalen Tradition geprägt ist.
Those Who Watch Over von Karima Saïdi bringt uns an die Grenze zwischen Leben und Tod, der Film folgt Angehörigen verschiedener Hintergründe und Religionen/Konfessionen auf ihrer Reise mit Trauer, der Verarbeitung von Verlust und der Hoffnung, aus der Vergänglichkeit des Lebens einen Sinn zu gewinnen. Life After Siham von Namir Abdel Messeeh aus Ägypten bildet den Versuch des Regisseurs ab, sich ein Leben nach dem Tod seiner Mutter vorzustellen, indem er das Narrativ eines Films über sie, der nie zustande kam, neu aufgreift. Dabei verwebt er Familienarchive – mit all ihren Leerstellen und Stillen – und Aufnahmen aus Filmen von Youssef Chahine und erzählt so eine zutiefst persönliche Geschichte die größere Fragen zu Migration, Zugehörigkeit, Niederlage und Unterdrückung sowie deren geschlechtliche und affektive Struktur aufwirft.
Die diesjährige Selection ist die umfangreichste in der Geschichte von ALFILM. Sie beinhaltet viele weitere Filme aus Marokko, Jordanien, Ägypten und dem Libanon sowie drei Kurzfilmprogramme – alles Werke die innovative Formen der Erzählung, postkoloniale Verstrickungen, sozio-ökonomische Spannungen und ökologische Krisen vorweisen und beleuchten, wie diese unser Leben und Lieben, unsere Auffassung vom Leben selbst und unsere Ängste im Tod beeinflussen.
Zusätzlich feiert ALFILM verschiedene Akteure, die das arabische Kino durch ihre herausragenden Leistungen und ihr bemerkenswertes Talent bereichert haben, an erster Stelle unter ihnen Onsi Abou Seif, den bekannten Artdirector und Szenenbildner. Wir ehren auch diejenigen, die uns verlassen haben: Den legendären ägyptischen Regisseur Youssef Chahine anlässlich seines hundertsten Geburtstages, den ägyptischen Regisseur Daoud Abdel Sayed und den palästinensischen Darsteller Mohamed Bakri.
Anhand der verschiedenen Veranstaltungen, die dieses Jahr außerhalb der Kinosäle stattfinden, wollen wir die Funktion des Festivals als Ort der Zusammenkunft und (Selbst-)Ermächtigung betonen. Es reicht nicht, die Welt nur durch das Kino zu erfahren. Stattdessen müssen wir das Kino als Mittel einsetzen, um Formen des Wissens zu produzieren, die uns stärken und das Leben lebenswert und erträglich machen.
















































